Lotus; Nastansky, Ludwig: Zurück in die Zukunft, in: Groupware Magazin, H&T Verlag, München 2005, pp. 12 - 15.

Der ultimative Lotusphere-Rückblick, Teil 1: Exklusiv für die Leser des Groupware Magazins schildert Professor Nastansky seine persönlichen Eindrücke vom Jahrestreffen des Lotus-Clans und wagt einen Ausblick in die integrierte Zukunft der guten alten Notes-Plattform.

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YEAR: 2005
 

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Lotusphere 2005: Zurück in die Zukunft!

Der in voller Blüte stehende Teen "Lotus Notes" hatte zu seinem 15. Geburtstag auf der Lotusphere in Orlando endlich einmal wieder die Beachtung, die ihm (ihr?) gebührt. Sogar der ein wenig entfremdete Vater Ray Ozzie, der den neuen "Groove" Clan gegründet hatte, feierte zur Überraschung aller das Geburtstagskind in der Eröffnungsveranstaltung. Lotusphere 2005 war dabei, vernünftigerweise, keine Inzucht-Geburtstagsfeier in einem Clan von Emiraten mit dem alleinigen Genpool "Lotus Notes/Domino". Nein, die Welt und Technologien entwickeln sich stetig weiter. E-Business, e-Government, e-Learning, e-Mobilität, e-Devices und was sonst noch alles mit der Vorsilbe "e-" geschmückt ist, erfordern vor allem eines: Integration, Interoperability, Connectivity, Reusability, Standardisierung allerorten. Um in der Weltvorstellung der Clans zu bleiben: Man geht sich nicht mehr nur aus dem Wege, sondern will miteinander kommunizieren, Handel treiben, Inzucht überwinden und frisches Blut austauschen und sich auch nicht mehr gegenseitig bekriegen (zumindest, sofern man zur gleichen ethnischen Gruppe, also IBM Brands, gehört).

Insofern feierte das vitale Geburtstagskind Lotus Notes/Domino gemeinsam mit den ethnogleichen oder ethnoverwandten Nachbarclans - vor allem WebSphere, Workplace, DB2 - eine große und gelungene Party auf der Lotusphere 2005. Vital deshalb, weil der Lotus Notes/Domino Clan ununterbrochen wächst und aktuell über 118 Mio. weltweit verstreute Mitglieder verfügt - so General Manager Ambuj Goyal in seiner Eröffnungsadresse zur traditionsgemäß herausgestellten Aktualisierung dieses wichtigen Erfolgsindikators.

Der DB2 Clan trat auf der Lotusphere 2005 begrüßenswerterweise nicht mehr ganz so stark, uneinsichtig, erfolgsverwöhnt oder arrogant auf wie sonst. Die intensive vielschichtige Kommunikation mit dem Notes/Domino Clan in jüngster Zeit hatte schließlich nicht nur einige nur schwer zu knackende Nüsse in den gemeinsamen Handelsbeziehungen (Codewort: "NSFDB2") aufgezeigt, das relationale Selbstbild noch weiter relativiert sowie das gewohnte Trommeln mit Performance ein wenig kleinlauter werden lassen. Nein, offenbar haben die Notes/Domino Leute wirklich etwas ernst zu nehmendes aus ihrem technischen Genpool einzubringen. Sie kommen, was sonst, einfach besser klar mit Themen wie: Objektmodell orientierte Dokumentenorientierung auf Formularbasis, effizientem und skalierbarem (Mail-) Messaging, (NIF-Index basierten) View-Umgebungen zur Gewährleistung eines hoch effektiven Einstiegs für den Umgang mit einer in die Millionen zählenden Fülle von Business Logik in Office-Anwendungen, oder gar wirtschaftlicher Bereitstellung flexibler Alltagslösungen. Es herrschte jedenfalls Einvernehmen auf der diesjährigen Lotusphere, dass an dieser Kooperation zwischen Notes/Domino und DB2 intensiv weitergearbeitet wird. Die Interoperabilitätsbeziehungen stehen möglicherweise nicht mehr unter dem vom DB2 Clan wegen seiner Selbstverständlichkeit bei Eintritt in die Integrationsarbeiten gar nicht besonders artikuliertem Monopolanspruch: "NSF wird Bestandteil von DB2". Vielmehr ist zu erwarten, dass in Zukunft eher wie unter gleichberechtigten Partnern nun einmal üblich gearbeitet wird - man hat sich gegenseitig etwas zu bieten, NSF hier, DB2 dort. Hier verbirgt sich jedenfalls ein breites Potential und fruchtbares Feld für effektive Systemarchitekturen, maßgeschneiderte Anwendungen und neuartige wirtschaftliche Lösungen!

Dass der noch junge und unerfahrene Websphere Clan dabei ist, seine Kraftmeierphase abzulegen, hat zum Gelingen der guten Stimmung auf der Lotusphere 2005 erheblich beigetragen. Beschwörend wurde darauf verwiesen, doch endlich dieses unglückliche Bild (von der gründlich missglückten Lotusphere vor drei Jahren) mit der Strasse zu vergessen, die für den Notes/Domino Clan irgendwo im zukünftigen Abgrund endete. Man habe erkannt, dass man hier einen großen Fehler gemacht habe. Man könne nicht einfach alle Anwendergruppen remote gesteuert über den gleichen Leisten scheren und damit in ihren individuellen IT-Bedürfnissen zufrieden stellen. Nein, man wisse spätestens seit der Lotusphere vor einem Jahr, dass es auch Clanmitglieder gibt, die anspruchsvolle Vorstellungen über die Gestaltung und Funktionsweise ihres eigenen Arbeitsplatzes haben, die in ihrer nomandischen Grundeinstellung nicht immer am fernen (Websphere) Tropf agieren möchten, die aber gleichwohl durchaus in der Unterhaltung ihrer Arbeitsplatzstrukturen effektive administrative und funktionale Unterstützung von der fernen J2EE-basierten Betreuungsinstanz zu schätzen wissen.

Und darum kümmert sich ja schließlich der Workplace Clan. Wenn der nur endlich aus seiner pubertären Phase mit seinen von innen wie außen kaum durchschaubaren Selbstfindungsprozessen heraus käme. Jedenfalls haben die vielen Mitglieder dieses Clans ordentlich für Partystimmung gesorgt! Apropos "viele Mitglieder". Handelt es sich nun um einen Clan oder um mehrere? Wenn die nur endlich mit ihren Familiennamen klarkämen. Habe wir doch gestern erst ein Mitglied der "Workplace Builder" Familie im Hinblick auf einige spannende Portlet-Entwicklungsthemen angesprochen, für Workplace Client Technology (WCT) und kompatibel mit Workplace Collaboration Services (WCS), versteht sich. Geschickt hatte uns die "Rational Application Developer (RAD)" Familie, an die wir gleich von der "WebSphere Studio" Familie weiterverwiesen wurden, die wir unglücklicherweise im Workplace Clan zuerst gefragt hatten. Der Kollege von der "Workplace Builder" Familie hat uns dann aber schnell klargemacht, dass seine Familie in Zukunft nichts mehr mit unserer spannenden Frage zu tun habe, sondern wir eigentlich ein Thema angesprochen hätten, für das die sehr kompetente Mutter der "Workplace Designer" Familie zuständig sei. Im Grunde sind wir jetzt beruhigt. Die angesprochene "Mutter", Maureen Leland, wird in ihrem beim Domino Designer entwickelten Familiensinn einen Beitrag zu mehr Ruhe in dieser pubertären Workplace Truppe leisten. Sie ist intensiv dabei, die ausgreiften guten Sitten und Gebräuche des Notes/Domino Clans im Hinblick auf Gestaltung von Designumgebungen auch dem Workplace Clan vermitteln.


Nimmt man dies alles zusammen, so prägt sich die in Evolution befindliche zukünftige Position von Lotus Notes/Domino (und damit das Bild kommender Lotusphere Kongresse) heraus.

Das kreative Chaos um IBM's (Lotus) Workplace Technologien ist einerseits ein Spiegel eines notwendigen Strukturwandels. Eine ausgereifte, seit Jahren komplexe und durch die Realisierung von Integrationsanforderungen immer komplexer werdende Plattform wie Notes/Domino braucht Impulse und Ergänzungen von außen, vor allem auch im Clientbereich und den Frontends. Die diversen sich um Workplace rankenden ersten Produkte, die angekündigten und als Prototypen gezeigten neuen Produkte oder die in den Lotusphere Forschungslaboratorien gezeigten Entwürfe, wie z.B. Activity Explorer oder Activity Manager, signalisieren mit ihren kreativen und innovativen User-Interfaces neuen Wind. Sie haben auch die notwendige Ausstrahlung, um Benutzerbegehrlichkeiten und Phantasien zu beflügeln, die für erfolgreiches Business nun einmal notwendig sind, je mehr man an die Computerarbeitsplätze herankommt und es mithin vor allem mit Menschen zu tun hat. Es geht hier besonders um die vielfältigen kollaborativen Funktionalitäten (Awareness, Instant Messaging, im Sametime-Produkt alias "IBM Lotus Instant Messaging and Web Conferencing" gebündelte Funktionen). Es geht um intelligente Kontexte und Benutzerinteraktionsmöglichkeiten, die in Pages und Portlets zusammen angeboten werden. Es geht um dabei genutzte relationale Datenobjekte, welche zur Abbildung der komplexen Prozessverzahnung notwendig sind, in die Menschen an ihren Arbeitsplätzen heute eingebunden sind. Alle diese neuen Funktionalitäten bieten eine wichtige Ergänzung zu den Lotus Notes/Domino Alleinstellungsmerkmalen einer hocheffektiven Plattform für asynchrone Kollaboration auf Basis von Messaging und Dokumentenobjekten. Hoffentlich werden wir hier bald in der Praxis zu einer solch attraktiven Interoperabilität und Integration zusammen mit vom Markt akzeptierten kundenbezogenen Produktverpackungen zwischen Notes/Domino und Workplace kommen. Die vollmundigen Marketingaussagen suggerieren dies jedenfalls!

Das angeführte kreative Chaos um IBM's (Lotus) Workplace Technologien ist anderseits aber auch ein Spiegel dafür, dass hier noch immer nicht der richtige Ansatz gefunden ist, wie er zur Einführung von neuen plattformwirksamen Technologien notwendig ist. Es sind bereits Lektionen gelernt, aber noch nicht genug. Dies ist schade, weil durchaus vermeidbar. Lassen Sie uns dazu einige Aspekte anführen.

Lotus Notes/Domino hat sich auf dem Markt nicht zuletzt mit einer zähen, unaufhaltsam vernetzt und multiplikativ wirksamen sowie nach wie vor offensichtlich nicht kleinzubekommenden Pull-Mechanik durchgesetzt. Dieses Szenario hatte dabei nur wenig den Push-Beigeschmack, bisherige Lösungen strategisch für obsolet zu erklären und mit der Einführung eines neuen Produktes mit einemmal alles neu und endlich richtig zu machen. Wie Ray Ozzie angesichts des 15. Geburtstags von Notes/Domino auf einer von Esther Dyson moderierten Podiumsdiskussion auf der diesjährigen Lotusphere ein weiteres mal betont: Die spezifische Kombination von Dezentralität, Benutzersouveränität bis zu Entwurfsarbeiten hin (die berühmten Beispiele der Sekretärinnen, die endlich ihre verschiedenen Listen und Auswertungen entwickeln und selbständig in Gang setzen konnten) und intuitiver Dokumentenorientierung waren Kernkonzepte für die Notes Architektur. Es waren seiner Einschätzung nach Eckpfeiler des Erfolg von Notes. Genau diese Merkmale finden sich auch in seiner neuen Kollaborationsplattform "Groove" wieder - nur noch radikaler.

Nur zählen Dezentralität (bei Groove "from the edges of an organization"), Herrschaft der Endbenutzer, Softwaredevelopment bei Sekretärinnen und Intuition gepaart mit sanftem aber zähen Pull aus allen Ecken der Organisation - gelinde gesagt - nicht gerade zu profilbildenden Alleinstellungsmerkmalen von IBM. Darunter leidet das konzeptionell wie im prinzipiellen Engineering Ansatz begrüßenswerte Workplace-Projekt an allen Ecken und Enden. Erst einmal wurde die - wie gesagt: derzeit 118 Mio. zählende - Notes Community und vor allem auch die eingeschworene Gemeinschaft der unerklärlich loyalen Notes/Domino Business Partner und Systemfachleute, die sicherlich einen der wichtigsten Beiträge für einen entscheidenden Sog auf dem Markt für Workplace leisten kann, ordentlich vergreult. Dies mit den wenig durchdachten und ungeschickten Push-Marketing Aktionen von Workplace Technologien und Vaporware in der Kinderphase, unterstützt durch eiskalten Rückensturm aus der Websphere Ecke vor zwei Jahren. Diese Sicht der Dinge schien auf der diesjährigen Lotusphere zum großen Teil überwunden. Wenn eine in der Geschäftswelt international verankerte Benutzercommunity Workplace zum Durchbruch verhelfen kann, dann die bisherigen Notes/Domino Benutzer durch Pull in ihren evolutorischen Schritten zu reicheren Arbeitsplatzumgebungen - wohl kaum aber die Nutzer von SAP, Oracle oder auch DB2, die von ihren hoch anwendungsspezifischen Arbeitsplätzen weggeboxt werden.

Zum anderen bleibt beim genauen Hinschauen hinter das aktuelle Marketinggetümmel um die schon mit Notes/Domino Rel. 7-8 sich abzeichnende plug-in Integration des Notes Client in den Workplace Rich Client ein vages Gefühl. Es eröffnen sich immer noch mehr Fragen als Antworten. Bei Workplace steht derzeit viel Grundlagentechnik im Vordergrund. Dies wird intensiv kommuniziert und ist auch verständlich. Es ist schließlich eine neuer horizontaler und weitgehend Plattform unabhängiger Middleware-Layer für eine bereits existierende komplexe IT-Welt zu schaffen. Bei den enormen Investitionen, die hier von IBM getätigt werden, ist aber nach wie vor unverständlich, dass der Integration von Lotus Notes unverändert so wenig "smarte" Priorität geschenkt wird. Die bisherige sog. technische "Integration" in den Workplace Rich Client stellt sich als kaum mehr dar, als dass Notes/Domino als isolierte Applikation, neben den anderen Applikationen wie z.B. Dokumentenmanagement, in den sog. Pages von Workplace gestartet werden kann. Zurück in die Zukunft: Workplace erfüllt damit den Status einer Betriebsplattform, wie sie MS Windows oder Mac OS in ihren Anfangsreleases vor mehr als einer Dekade dargestellt haben. Der Reifegrad von Interoperabilitätsfunktionen zwischen verschiedenen Applikationen, wie sie derzeit beispielsweise diese beiden ausgereiften Client-Betriebssysteme liefern, ist auch nicht annähernd gegeben und auch wenig sichtbar.

Was ist gemeint? Hier liegt das Thema im Detail, was an dieser Stelle ein wenig kleinlich anmuten mag. Dazu Beispiele, aus dem Notes Endbenutzer Alltag (zur Erinnerung: 118 Mio. nach Herstellerangaben): Notes/Domino Benutzer werden sofort die Integration von Microsoft Office in das "Workplace Document Management" begrüßen. Natürlich möchte man unmittelar ein "drag-and-drop" zwischen diesen verschiedenen Workplace Applikations-Pages nutzen: Man nehme etwa ein Notes Dokument aus einem Notes View und lasse es auf einer Folder-Pane des Workplace Dokumenten Managers fallen. Es erscheint eine Dialogbox, ob das Notes-Dokument als MS Word Datei, RTF-Objekt, ASCII-Text oder wie auch immer in den Workplace Dokumenten-Manager übernommen werden soll. Oder umgekehrt. Das MS Word Dokument wird in die Notes-Umgebung hineingezogen und dort, nach Abfrage, in einem für den Benutzer geeigneten Format gerendert. Dieser Dokumentenaustausch zwischen verschiedenen Workplace Anwendungen geht, natürlich, nicht. Er ist an dieser Stelle eine Erfindung. Ärgerlich sind dabei drei Dinge: Die notwendigen Basistechnologien sind in Notes/Domino verfügbar. Auf diesbezügliche Fragen erntet man bei IBM Ingenieuren erstaunte Blicke. In den strategischen Workplace Engineering- oder Produktmarketinggruppen ist Problembewusstsein für solche Alltagsthemenbereiche aus der Notes Anwenderecke auch nicht annähernd spürbar. - Ein anders Beispiel aus eben diesem Alltag eines Notes Benutzers: In der Workplace (nativen) Kalenderumgebung sollen in einem Kalenderobjekt Links auf Notes Objekte untergebracht werden, wie man das innerhalb Notes ja laufend tut: Geht nicht. Ärgerlich sind auch hier drei Dinge, wie bereits angeführt. Es gibt hier noch weit mehr zu sagen. Dies wird an anderer Stelle vervollständigt werden.

Die deutschen Teilnehmer stellten auf der Lotusphere 2005 wieder die größte Auslandsgruppe dar. Sie wird vom Hersteller IBM sowohl wahrgenommen, wie auch ernstgenommen. In diesen Wochen finden bei IBM Lotus Business Partnern eine Fülle von Lotusphere Nachbereitungsveranstaltungen statt, in der die in diesem Beitrag angesprochenen Themen und viele andere mehr gebührend ausdifferenziert werden. Lassen Sie uns diese Gelegenheiten nutzen, wie in den letzten Jahren, weiter daran arbeiten, unseren Einfluss auf die Weitergestaltung von Notes/Domino und Workplace geltend zu machen. Das gemeinsame Potential, dass in den noch nicht ganz ausgegorenen Workplace Konzepten und der ausgereiften Lotus Notes/Domino Plattform stecken, verdient es jedenfalls.


Prof. Dr. Ludwig Nastansky
Direktor des Groupware Competence Centers an der Universität Paderborn
Vorsitzender des Aufsichtsrates der PAVONE AG